Eigentlich war eine Lesung geplant. Doch als Andreas Englisch, Journalist, Bestsellerautor und einer der bekanntesten Vatikan-Kenner im deutschsprachigen Raum, zu reden begann, wurde schnell klar: An diesem Abend stand weniger das Lesen als das Erzählen im Zentrum.
Andreas Englisch gilt seit Jahrzehnten als einer der profiliertesten Beobachter des Kirchenstaats und lebt seit den 1980er-Jahren in Rom. Dass er auch ein begnadeter Redner und «Alleinunterhalter» ist, erlebten die 70 Besucherinnen und Besucher von «Zürich liest» am Mittwochabend in unserer Pfarrei St. Felix und Regula. Englisch bot einen ebenso unterhaltsamen wie kenntnisreichen Streifzug durch fast vier Jahrzehnte Vatikan-Berichterstattung.
Eine Stunde lang sprach Englisch praktisch ohne Unterbruch. Namen, Daten, historische Zusammenhänge und persönliche Begegnungen waren für ihn jederzeit abrufbar. Die Geschichten führten von den Anfängen seiner Karriere bis in die Gegenwart des Vatikans.

Dabei gestand er freimütig, dass ihn zu Beginn weder die Kirche noch der Vatikan besonders interessiert hätten. Selbst Italienisch habe er kaum gesprochen, als er nach Rom kam. Fast habe er seine Stelle schon verloren, bevor die Arbeit überhaupt richtig begonnen hatte. Ausgerechnet dieser Start führte ihn später in das Zentrum des katholischen Machtgefüges.
Immer wieder schlug er den Bogen zwischen Weltgeschichte und persönlichen Erlebnissen. Besonders eindrücklich waren die Schilderungen seiner Begegnungen mit Papst Johannes Paul II. Mit ihm habe er nicht nur über grosse politische Themen gesprochen, sondern auch über Fussball. Englisch zeichnete das Bild eines Papstes, der von den Erfahrungen in Polen und dem Kampf der Solidarność-Bewegung geprägt war.
Auch die Schattenseiten der Kirche sparte Englisch nicht aus. Der sexuelle Missbrauch innerhalb der katholischen Kirche und dessen Folgen für die Glaubwürdigkeit der Institution waren ebenfalls Thema. Gerade die Mischung aus historischen Ereignissen und menschlichen Geschichten machte den Reiz des Abends aus.

Ein roter Faden zog sich durch den gesamten Vortrag: die Menschen hinter dem Amt. Englisch schilderte Johannes Paul II. als charismatische Figur, der aber die Dimension der Missbrauchskrise lange unterschätzt habe.
Über Benedikt XVI., den früheren Theologen Joseph Ratzinger, sprach er als zutiefst scheuen und zurückhaltenden Menschen, dem es sogar an seinem Geburtstag unangenehm war, im Rampenlicht zu stehen.
Ganz anders wiederum Papst Franziskus: unkonventionell, spontan und nah bei den Menschen. So habe dieser auf seine Auslandsreisen immer wieder zufällig ausgewählte Personen mitgenommen, darunter einen Fahrstuhl-Ingenieur und eine Waschfrau.

Mit sichtlicher Freude erzählte Englisch dann Anekdoten über den neuen Papst Leo XIV., den er einfach «Bob» nennt. In seinem neuen Buch «Der leise Mönch an der Spitze der Macht» zeichnet er den Weg des früheren Robert Francis Prevost vom Missionar bis an die Spitze der katholischen Kirche nach.
Er beschreibt Prevost, den er schon seit vielen Jahren persönlich kennt, als bodenständigen Augustiner, bei dem lange niemand mit einer Wahl zum Papst gerechnet habe. Auch aktuelle Themen kamen zur Sprache: unter anderem der Gesundheitszustand von Leo XIV., die geplante päpstliche Reise nach Südamerika, die Haltung des neuen Papstes zur Künstlichen Intelligenz und die Frage, wie die Kirche mit technologischen Umbrüchen umgehen müsse.

In der anschliessenden Fragerunde zeigte sich das grosse Interesse des Publikums. Gefragt wurde unter anderem nach den Unterschieden zwischen Leo XIV. und Papst Franziskus, der Rolle des Papstes in Frankreich sowie nach den Friedensbemühungen des neuen Kirchenoberhaupts. Daneben interessierten sich die Besucherinnen und Besucher für das Verhältnis zwischen Joseph Ratzinger und dem Schweizer Theologen Hans Küng.
Am Ende blieb der Eindruck eines aussergewöhnlich kurzweiligen Abends. Statt einer klassischen Lesung bot Andreas Englisch eine lebendige Reise durch die Geschichte des Vatikans, voller Begegnungen, Anekdoten und überraschender Einblicke. Das Publikum dankte es ihm mit grosser Aufmerksamkeit und lang anhaltendem Applaus.





